Schröpfen aus Sicht der TCM.
Spätestens seit Schwimmer:innen bei Olympia mit runden, rötlichen Kreisen auf Schultern und Rücken auftraten, kennt fast jeder die Male des Schröpfens — auch wenn viele bis heute nicht wissen, was dahintersteckt und warum die Methode in der TCM schon seit Jahrhunderten geschätzt wird.
Schröpfen — auf Chinesisch Ba Guan (拔罐), wörtlich „Gläser ziehen" — gehört zu den ältesten Techniken der chinesischen Medizin. Dabei wird in Glas- oder Silikonschröpfköpfen ein Unterdruck erzeugt, der Haut, Unterhaut und die oberste Muskelschicht sanft ansaugt und anhebt. Man unterscheidet vor allem zwei Formen: das stehende (stationäre) Schröpfen, bei dem die Gläser für einige Minuten an einer Stelle verbleiben, und die Schröpfmassage, bei der die Gläser mit etwas Öl gleitend über größere Flächen geführt werden — eine Art Tiefengewebsmassage von innen heraus.
Was Schröpfen aus TCM-Sicht bewirkt
In der TCM gelten Schmerzen und Verspannungen oft als Ausdruck einer Stagnation von Qi und Blut — der Fluss ist irgendwo ins Stocken geraten. Der Sog der Schröpfgläser zieht genau dort, wo sich diese Stagnation zeigt, altes, „festsitzendes" Blut und Gewebeflüssigkeit an die Oberfläche und regt gleichzeitig frischen Fluss an. Aus westlicher Sicht lässt sich das mit einer gezielt angeregten lokalen Durchblutung und einer Lockerung verklebter Faszienschichten beschreiben — zwei Blickwinkel auf denselben Effekt.
- Löst Qi- und Blut-Stagnationen, die sich als Schmerz oder Verspannung zeigen
- Regt die lokale Durchblutung und den Stoffwechsel im behandelten Gewebe an
- Leitet aus TCM-Sicht Kälte und Feuchtigkeit aus — wichtig bei Beschwerden, die sich bei nassem, kaltem Wetter verschlimmern
- Lockert großflächig verklebte Faszien und Muskulatur, gerade dort, wo Fingerdruck allein länger bräuchte
- Wird traditionell auch bei den ersten Anzeichen einer beginnenden Erkältung eingesetzt, wenn sich „Wind und Kälte" oberflächlich am Blasenmeridian festsetzen
- Kann als spürbares „Ventil" wirken — dazu gleich mehr
Ein Ventil für Angestautes — auch emotional
Schulter, Nacken und oberer Rücken sind in der TCM nicht zufällig die Bereiche, in denen sich Schröpfen besonders bewährt — genau dort setzt sich auch angestaute Leber-Qi-Energie fest, die klassischerweise mit unterdrückten Gefühlen wie Ärger, Frust oder Groll in Verbindung gebracht wird. Ein spontanes Seufzen gilt in der TCM als kleines, unwillkürliches Ventil des Körpers, um genau dieses gestaute Qi in Bewegung zu bringen. Schröpfen wirkt hier wie ein bewusst gesetztes, größeres Ventil: Der spürbare Sog und das anschließende Loslassen der Gläser werden von vielen Klient:innen nicht nur körperlich, sondern auch als eine Art innerliches Aufatmen erlebt — als würde nicht nur Gewebe, sondern auch ein Stück angestauter Anspannung freigegeben.
Nicht nur in China
Schröpfen ist keine rein chinesische Erfindung — die Methode lässt sich bis ins alte Mesopotamien und Ägypten zurückverfolgen und war auch in der klassischen westlichen Heilkunde fest verankert. Schon Hippokrates empfahl Schröpfen bei „Füllezuständen", und im Europa des Mittelalters und der Renaissance gehörte es neben dem Aderlass zum festen Handwerkszeug von Badern und Feldscherern. Zwei medizinische Traditionen, die sich sonst kaum berühren, sind hier unabhängig voneinander zu einer sehr ähnlichen Methode gekommen — nur die Erklärung dahinter unterscheidet sich: Stagnation von Qi und Blut in der TCM, ein Ungleichgewicht der Körpersäfte in der europäischen Humoralmedizin.
Die Male — und was sie zeigen
Die nach der Behandlung sichtbaren, meist schmerzlosen Hautrötungen sind wohl das bekannteste Merkmal des Schröpfens — genau das, was auch bei den erwähnten Olympia-Schwimmer:innen für Aufsehen sorgte. Die Farbintensität ist dabei individuell ganz unterschiedlich: von einem zarten Rosa bis zu einem kräftigen Dunkelrot oder Violett, je nachdem, wie ausgeprägt die Stagnation im behandelten Bereich war. Die Male sind kein blauer Fleck im klassischen Sinn — es tut nicht weh, an der Stelle zu drücken — und klingen normalerweise innerhalb weniger Tage bis gut einer Woche von selbst wieder ab.
Schröpfen bei mir in der Praxis
Ich setze Schröpfen meist ergänzend zur Shiatsu-Behandlung ein, wenn großflächige Verspannungen oder ein spürbarer Stau im Vordergrund stehen — die Kombination aus Fingerdruck und Sog wirkt sich dabei besonders gut ergänzend aus. Wer die Wirkung gezielt für sich allein nutzen möchte, kann Schröpfen bei mir auch als eigenständige Kurzeinheit buchen, ganz ohne begleitende Shiatsu-Sitzung.
Sicherheitshinweis
Schröpfen wird nicht angewendet bei Fieber oder akuten Entzündungen, auf offener Haut, Hautkrankheiten, Krampfadern oder Muttermalen sowie mit Vorsicht bei Blutgerinnungsstörungen oder blutverdünnenden Medikamenten — hier ist vorab Rücksprache mit der behandelnden Ärztin bzw. dem Arzt sinnvoll. Am Bauch und unteren Rücken wird während der Schwangerschaft nicht geschröpft. Bei anhaltenden oder neu auftretenden Beschwerden ist außerdem eine ärztliche Abklärung wichtig, um ernsthafte Ursachen auszuschließen — Schröpfen und Shiatsu ersetzen keine medizinische Behandlung, können sie aber sinnvoll ergänzen.